• Björn Hennecke

Die Hexe, der Fisher und ich

Heute möchte ich Euch eine Episode zum Besten geben, die einen wunderbaren Einblick liefert, wie mir neue Ideen kommen und wie ich diese verarbeite. Oft ist der Anstoß ein ganz zufälliger. Zuweilen entwickelt sich daraus eine außerordentlich bemerkenswerte Kausalkette - wie bei der folgenden Geschichte.


Vor einiger Zeit, irgendwann im letzten Sommer, stieß ich beim Stöbern nach einer neuen Playlist für die Arbeit auf einen Song von Stan Rogers. Da mir die Musik des kanadischen Folk-Sängers sehr gut gefiel, hörte ich fortan immer häufiger Songs aus seinem Werk. Doch erst vor ein paar Wochen entdeckte ich ein Lied, das mich ganz besonders faszinierte. Es heißt "The Witch of the Westmorland" und wurde 1979 veröffentlicht. Der Song erzählt eine wirklich schöne Geschichte und die will ich Euch natürlich nicht vorenthalten.


Es geht um einen Ritter, der im Kampf tödlich verwundet wurde. Seine Versuche, sich selbst zu verarzten, sind zum Scheitern verurteilt, doch die Raben wissen Rat: Er muss die Hexe vom Westmoreland aufsuchen, denn sie allein kann seine Wunden noch heilen.

So macht er sich auf die beschwerliche Reise und wird dabei unterstützt von allerlei tierischen Helfern. Diese weisen ihm den Weg zum gewundenen See, dem Heim der Hexe. Dort angekommen bringt er, so wie es ihm die Eule gesagt hat, ein Opfer dar. Kaum so geschehen, entspringt dem Wasser eine zentaurenhafte Gestalt. Zur einen Hälfte eine schöne Maid und zur anderen Hälfte eine pechschwarze Stute. Mit Hilfe seiner treuen Tiere gelingt es dem Ritter die Hexe zu fassen. Diese bittet ihn die Waffen zu strecken, woraufhin sie nun vollkommen gewandelt vor ihm steht. Sie versorgt die Wunden des Ritters und küsst seine totenbleichen Lippen. Unversehens liegt er in ihren Armen und erhebt sich gesund und munter.

Beim Abschied offenbart die Hexe noch ein Geheimnis: Nachdem er bei ihr gelegen hat, sei der Ritter nun unverwundbar. (Man beachte die blumige Sprache!)


Viele Elemente der Geschichte erscheinen bereits beim ersten Hören vertraut. Es sind Elemente, die wir auch aus heimischen Geschichten und Erzählungen kennen. So ist das Lied leicht zugänglich und die vordergründige Story lässt sich gut erschließen.

Die Kniffe liegen in den Details. Zwei Beispiele möchte ich Euch näher bringen.

Im Text ist mehrfach die Rede von den Tieren, welche der Ritter mit sich führt: Seinem Ross, seinem Falken und seinem Jagdhund (je nach Fassung sind es auch Jagdhunde). Das alles sind typische Statussymbole für einen mittelalterlichen Ritter. Der Gute war also durchaus kein armer Schlucker.

Ebenso findet sich des Öfteren der Hinweis auf die Beschaffenheit des ritterlichen Schilds. Dieser sei, so wird es besungen, aus dem Holz der Eberesche (Vielleicht denkt Ihr jetzt auch: "Oh Mann, Mister Bean [Rowan Atkinson] hieß mit Vornamen Eberesche!" Ich würde hierzulande den Namen Eiche vorziehen...). Der tiefere Sinn ist für den Laien praktisch nicht erkennbar. Hierfür müsste man schon wissen, dass Schilde dieser Zeit hauptsächlich aus Lindenholz gefertigt wurden. Das erklärt jedoch noch nicht den spezifischen Gebrauch der Eberesche. Dem Holz dieses Baumes wurde in der keltische Kultur die Fähigkeit zugeschrieben Magie fernhalten zu können. Besagter Schild ist somit weit mehr als eine rein physische Waffe.

Mit diesem Wissen wird so manche Passage im Text viel besser verständlich. Der ganze Song ist voll von derartigen Details - das macht ihn ja gerade so interessant.


Aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach ja, ich hab's!

Eine solche Geschichte passt halt nicht nach Kanada oder zu einem kanadischen Sänger. So begann ich meine Recherche mit der Suche nach dem Ursprung des Lieds. Schnell wurde ich fündig. Die Originalfassung stammt von dem Schotten Archie Fisher. Er veröffentlichte den Song "The Witch of the West-Mer-Lands" 1976 auf dem Album "The Man With a Rhyme". Das Lied war jedoch bereits 1971 auf einer Platte von Barbara Dickson zu hören, bei der Archie nicht selber sang.

Nun interessierte mich brennend, ob sich hinter der Dichtung eine "wahre Geschichte" verbarg. Nicht dass ich an pferdefüßige Hexen glauben würde, aber ich konnte mir gut vorstellen, dass eine alte Sage oder Legende Pate für den Song gestanden hatte.

Einen hervorragenden Ansatz bot die Ortsbeschreibung. Westmorland (ehemals Westmoreland und noch früher auch Westmer(e)land) ist eine historische Bezeichnung für eine Region in Nordwestengland. Passt schon viel besser zum Mittelalter als Kanada.

Tatsächlich befindet sich in dem Gebiet der See Windermere (der gewundene See aus dem Lied). Er ist der größte (natürliche) See Englands - und es gibt Geschichten über Hexen im See! Allerdings keine, die der Geschichte im Song ähnlich gewesen wäre. Also ging die Suche weiter.

Mit Literatur zur keltisch-gälischen Sagenwelt bin auch ich nicht gesegnet. Der Weg musste demnach ein anderer sein, um kurzfristig eine zufriedenstellende Antwort zu bekommen.

Wenn einer wissen musste, ob es eine Vorlage für den Text gab, dann mit Sicherheit der Verfasser. Ergo stand fortan Archie Fisher im Fokus meiner Nachforschungen. Zum Glück lebte der Gute noch oder zumindest stand im Netz nichts gegenteiliges (immerhin ist Archie Jahrgang 1939). Doch damit war noch nicht die Frage nach der Kontaktaufnahme geklärt.

Es kostete selbst mir einige Mühe, aber letztlich konnte ich Archies private E-Mail-Adresse ausfindig machen (gestattet mir an der Stelle das kleine Eigenlob). Natürlich hatte ich keine Ahnung, ob diese noch aktuell war oder tatsächlich zu dem Sänger gehörte. Außerdem bestand auch noch die realistische Möglichkeit, dass die Mail im Spam-Ordner landen oder Archie mich für einen verrückten Fan halten würde. Nun bin ich niemand der Risiken scheut und so verfasste ich ein Anschreiben im besten Oxford English oder zumindest was ich dafür hielt.

Liebe Leser, Ihr werdet es jetzt nicht gedacht haben, aber Archie bekam die Nachricht und seine Antwort ließ kaum 24 Stunden auf sich warten. Seine Reaktion fiel ganz und gar positiv aus und aufgeschlossen beantwortete er meine Fragen, wenn auch merklich erstaunt über das unverhoffte Interesse aus Good old Germany.


Und was steckt nun hinter Archies Song?

Er hat versucht möglichst viele Elemente aus regionalen Überlieferungen und Traditionen in ein Lied zu packen und diese mit einer Geschichte zu verbinden, die eine zauberhafte Metapher über Werte und Tugenden darstellt. Ein wahres Füllhorn der Kultur.

Die Geschichte von dem Ritter und der Hexe ist also Archie Fishers persönliche Kreation. Eine wunderschöne Geschichte bleibt sie allemal.


Euer Björn Hennecke

81 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen